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MusikTexte No 98, August 2003
Zukunftsmodell?
Zur Aesthetik von Steamboat Switzerland
von Roland Schönenberger
Die Legitimationsschwierigkeiten, in denen sich die Avantgarde der neuen
Musik seit den achziger Jahren befindet, haben sich mit dem
Jahrtausendwechsel nicht verflüchtigt - im Gegenteil. Wie Heiner Goebbels
bereits 1988 bemerkt hat, finden die grossen musikalischen Innovationsschübe
vielfach nicht mehr in den etablierten Gefilden der neuen Musik statt, wo
sich die Avantgarde in mehr oder weniger fixen Sets von Idiomen abarbeitet,
sondern in anderen Musikszenen. Beispielsweise in der freien Improvisation,
einer zugegebenermassen äusserst heterogenen Szene, die sich aus klassischen
und neuen Musikern sowie Jazz- und Rockmusikern speist, oder in der
elektronischen Musik, in der insbesondere klanglich Neue Wege erforscht
werden. Zudem ist die Tendenz festzustellen, dass experimentierende Musiker
verschiedenster überraschend offene Ohren für Neue Musik haben, ihre
musikalischen Ergebnisse ebenfalls reflektieren, auf Papier oder in den
Computer tippen und eventuell gar in Form von Kompositionen aus- und
aufführen.
Steamboat Switzerland nimmt im breiten musikalischen Feld, das unter dem
Titel Avantgarde segelt, eine eigenständige Position ein. Der Versuch, die
ästhetische Position der Gruppe zu eruieren, setzt eine vorurteilslose und
grenzüberschreitenden tour d'horizon durch verschiedenste musikalische
Entwicklungen voraus, die noch kaum in der Neuen Musik rezipiert worden sind.
Der Ort, von dem aus Steamboat Switzerland operiert, ist ein Ort, an dem neue
Musik, Improvisation und Elemente aus der Rockmusik eine Verbindung eingehen,
die jenseits eines biederen Crossovers neue, integrative Erzählweisen
erforscht. <br< Die Musiker von Steamboat Switzerland - dies ist meine
These - haben Konsequenzen aus musikalischen Entwicklungen der letzten Jahre
gezogen, die ihre Formation durchaus als zukunftsträchtiges Modell erscheinen
lassen, dass im Kontext der neuen Musik bestehen, ja sogar neue Möglichkeiten
in der Aufführungspraxis und im Komponieren aufzeigen kann.
Obwohl die Neue Musik das Spektrum der verwendeten Instrumente im Vergleich
zu Romantik und Klassik enorm erweitert hat, tat und tut sie sich mit der in
Rock und Jazz entwickelten Tradition der elektronisch verstärkten
Instrumente, Klangeffekte oder gar Samplern noch immer schwer. Ein Blick in
die bisherigen Konzert- und CD-Rezensionen, die über Steamboat Switzerland
verfasst wurden, ergibt dann auch ein heterogenes Sammelsurium an
Gattungsbezeichnungen: Prog Rock, Post Rock, Noise, Hardcore (HeArt core),
Krautrock, Techno, Drum'n'Bass, Ambient, Avantcore et cetera. Unschwer ist zu
erkennen, dass es bisher vorwiegend Rock- und Jazzinteressierte waren, die
über Steamboat Switzerland geschrieben haben. Der Grund dafür ist
naheliegend: Die drei Musiker spielen auf Instrumenten, die nicht zum
Vokabular der Neuen Musik gehören: Hammond-Orgel, Korg MS20
(Analogsyntheziser), Elektrobass und insbesondere Rockschlagzeug (nicht nur
Perkussion, sondern Drum-Kit). Zwar verleugnen Blum, Niggli und Pliakas ihre
Affinitäten zur Rockmusik keineswegs , geben mit den Rock-Etüden von Stephan
Wittwer (Trabant, Slosh, Uncle Globus etc.) jeweils richtig Dampf und frönen
denjenigen musikalischen Aspekten, denen sich klassische Musik (ob neu oder
alt) nur allzu oft versagen: Drive und Groove.
Dennoch bietet Steamboat Switzerland Komponisten neuer Musik eine
ernstzunehmende Erweiterung des instrumentalen Spektrums. Die ketzerische
Frage lautet: Ist mit der Wahl des Instrumentariums wirklich eine
musikalische Stilentscheidung gefallen? Oder kann man auch mit Instrumenten,
die bisher vor allem in der Jazz- und Rockmusik verwendet wurden, ernsthaft
neue Musik machen?
Auf ihrer ersten CD interpretierten Blum, Niggli und Pliakas mit Hammond,
Bass und Drums drei Kompositionen von Hermann Meier, einem kaum aufgeführten
seriellen Schweizer Komponisten. Die extravagante Instrumentierung gewinnt
den an sich spröden Stücken ein brutistischen Charme ab, ohne strukturellen
Charakter zu zerstören und adaptiert die klassisch konzipierten Werke auf
befruchtende Art und Weise in einem neuen Kontext. Den ausführlichen Beweis,
dass man auch mit Hammond, Bass und Drums ernsthaft Neue Musik machen kann,
erbrachte Steamboat Switzerland mit ihrer CD ac/ dB [Hayden]: Neue Musik pur - auf Rockinstrumenten. Die sieben
Stücke des jungen britischen Komponisten Sam Hayden (geboren 1968) klingen
zwar sehr rockig, doch die musikalische Struktur hat weder mit altbackenen
Rockharmonieren noch mit plump stampfendem Rockschlagzeug zu tun. Vielmehr
sind die Akkordfolgen und Rhythmik ist hochgradig konstruiert und komplex,
aber dennoch energiegeladen: «Boulez on the rocks», könnte man sagen.
Im Umgang mit Kompositionen und Improvisationsteilen haben die drei Musiker
für ihre Konzerte eine sehr bewusste Form gefunden. Sie arbeiten mit einem
Modulsystem, dass es ihnen erlaubt, den freien Fluss ihrer Improvisationen
mit vorgefertigten, komponierten Teilen zu unterbrechen, zu kontrastieren, zu
konfrontieren. Da sie vor dem Konzert auf Absprachen verzichten, haben sie
eine Reihe von Handzeichen entwickelt, mit denen jeder Spieler seinen beiden
Mitspielern ein nächstes Stück anzeigen kann. Jeder Musiker besitzt somit die
Möglichkeit, die formale Anlage des Konzerts zu bestimmen. Die ersten Module,
die Steamboat Switzerland einsetzten, waren die adaptierten Kompositionen von
Hermann Meier und Ruth Crawford sowie die Rock-Etüden von Stephan Wittwer.
Der Auftrag an Sam Hayden bestand darin, derartige Module zu komponieren, die
im Konzert je nach Bedarf eingesetzt werden können. 4 Für das
Ensemble wie den Komponisten ergab sich daraus die Möglichkeit, die
Komposition nicht nur ein einziges Mal uraufzuführen, sondern das Werk an
verschiedensten Konzerten über längere Zeit zu spielen.
Wenn Steamboat Switzerland zu Ensembles der sechzigerer Jahre in Verbindung
gebracht werden sollen, dann nicht zu Pink Floyd oder ELP, sondern zu
Improvisationsformationen wie AMM in London oder zur Nouva Consonanza und zur
Musica Elettronica Viva in Rom. Die Verbindung wird noch dadurch
unterstrichen, dass Keyboarder Dominik Blum, dem heute eine riesige Palette
an digitalen Synthesizern und Samplern zur Verfügung stehen könnte, bewusst
auf digitale Klangerzeuger verzichtet. Zudem gelten unter den drei Musikern
von Steamboat Switzerland ebenfalls Absprachen bezüglich Improvisation. Der
Beginn ist meistens energiegeladen und dicht; alle drei Musiker beteiligen
sich am Aufbau eines gemeinsamen «Wall of sound». Die Improvisationen sind
also nicht auf Solos ausgelegt, in denen sich ein Musiker exponiert, sondern
auf ein kollektives Klanggeschehen, in dem die Instrumente zu einem einzigen
Klangkörper verschmelzen. Um den langezogenen dramatrugischen Bogen, den sie
in ihren Konzerten anstreben, nicht zu brechen, verzichtet das Trio
konsequenterweise auf Pausen. Das auf der CD Budapest dokumentierte Konzert, das nur aus einer einzigen
dreiundvierzig Minuten dauernden Improvisation besteht, gibt einen
unverfälschten Einblick in die Improvisationsarbeit von Steamboat
Switzerland. Unterstreichen die analogen Synthesizer-Sounds und die
strukturelle Kompaktheit die Nähe zu den Wurzeln der freien Improvisation,
deutet der hohe energetische Level der Musik auf den Einfluss der Noise Art.
In Orange Slice des
holländisch-amerikanischen Komponisten David Dramm (geboren 1961), das
Steamboat Switzerland im Januar 2002 mit einem auf neun Musiker erweiterten
Ensemble in Winterthur uraufführte, ist der brachiale Ansatz der Noise Music
zwar in einer kompositorischen Struktur aufgefangen. Doch die Verdopplung der
Instrumente (je zwei Klaviere, Bässe, Schlagzeuge), das insistierende
Durchhämmern minimaler Sequenzen und die objekthafte Anlage des musikalischen
Materials wirken wie ein einziger massiver Klangkörper, der über die Zuhörer
hereinbricht. Die Inspiration zu Orange Slice kam denn auch von Gordon Matta-Clark, einem
Künstler, der mit einer Motorsäge leerstehende Häuser durchlöcherte und zu
Lichtskulpturen umfunktionierte.
Die Steamboat-Switzerland-Musiker Dominik Blum und Marino Pliakas
absolvierten akademische Ausbildungen. Lucas Niggli hat sich als Autodidakt
vor allem in Jazzkreisen einen Namen geschaffen. Das Trio fand sich seit Ende
1995, nachdem Niggli und Pliakas bereits in der Formation Sluge2000 mit
Stephan Wittwer zusammengearbeitet hatten. Obwohl er so tönt, hat der Name
Steamboat Switzerland keinen Bezug zu Dixieland. Vielmehr versteckt sich
Adolf Wölfli dahinter, der in der Neuen Musik schon einige Komponisten
inspiriert hat. Adolf Wölfli beschreibt ziemlich am Anfang seines
umfangreichen Epos «Von der Wiege bis ins Graab» ein besonderes Dampfschiff:
«Wihr hatten Uns auf dem Haritt im Kreise gelaagert und standen nun auf, um
mit geschwenkten Taschentüchern und 3fachem Hurrah, die Vorüberfahrenden zu
begrüssen. Es wahr der Dampfer Swizerland, mit über 1,000 Passagieren an
Bord. Uns're Bemühungen wurden vergolten mit nicht enden wollenden Hurra und
Hochrufen, sowie Fahnenschwingen seitens der Passagiere, der Sänger=Chor
Concordia von Zürich, präsentierte uns das schöne Lied. (Es lebt auf allen
Schweizer=Gauen, ein Blümchen Zahrt und Wunderhold.)» Kann es da Zufall sein,
wenn die erste CD von Steamboat Switzerland mit dem Titel «Little Wolf»
beginnt?
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